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Versuch
einer optisch materialisierten Auflösung
Meine Arbeiten
sollen dem Betrachter als mögliche Basis für die Erlangung einer
erweiterten Geisteshaltung dienen. Durch sie kann das Hinterfragen von
Denkinhalten aller Art angeregt werden. Nur durch ständige Analyse des
eigenen Standpunktes kann gewährleistet werden, dass selbständig
„erarbeitete“ Denkinhalte vertreten und nicht die Inhalte anderer
ungefragt übernommen werden. Durch diesen Prozess der Relativierung alles
Erfahrenen können Verständnis und Toleranz auf globalem Niveau gefördert
werden.
Dieses Analysieren und Relativieren ist zunächst ein geistiger Prozess,
den ich mit meinen Arbeiten visualisieren möchte, indem ich Objekte
anfertige, deren Aussehen vom örtlichen Standpunkt des Betrachters zu
diesen abhängt. Durch die Interaktion mit den Objekten können die
Betrachter erkennen, dass nur ihr eigener Standpunkt das Aussehen der
Objekte ausmacht. Diese optische Erkenntnis verwende ich als Metapher und
übersetze sie in alle Bereiche unserer Existenz. Alles Gesehene,
Wahrgenommene und Erfahrene, alle Kunst, Kultur oder politischen
Anschauungen sind relativ und hängen ausschließlich vom Standpunkt des
Betrachters ab. Im Bereich der Kunst stelle ich damit die Betrachter ins
Zentrum und erkläre diese selbst zu Künstlern.
Bei der Erstellung meiner Objekte lege ich den Punkt als kleinsten
gemeinsamen Nenner fest. Alles Gesehene setzt sich aus solchen Punkten,
nebeneinander und übereinander, zusammen und ergibt – aus entsprechendem
Winkel und Entfernung betrachtet – ein wahrnehmbares Abbild. Indem ich
Punkte aus Klebefolie auf mehreren Ebenen von durchsichtigem Acrylglas
räumlich hintereinander anordne, kann ich ein scheinbar räumliches Abbild
darstellen. Beim Ändern des Blickpunktes des Betrachters zum Objekt löst
sich dieses in Einzelteile – Tausende Punkte – auf und fügt sich erst bei
Einnahme des „richtigen“ Betrachtungswinkels, meist 90 Grad, wieder
zusammen.
Als Bildmaterial für meine Objekte verwende ich „angelernte“ Gegenstände
oder Texte aus dem Alltag, die ob ihrer Einfachheit universell
verständlich sind und ein Vokabular für eine globale, möglichst viele
Menschen ansprechende Kommunikation darstellen. Diese treten über
sprachliche Barrieren hinweg an die Stelle verbaler Kommunikation und
schaffen – gleichberechtigt und auf dieselbe Stufe gestellt – einen
gemeinsamen Boden für alle Betrachter. Im zweiten Schritt führen sie
diesen vor Augen, dass ihre eigenen Wahrnehmungen und persönlichen
Standpunkte ebenso relativ sind wie das von ihnen betrachtete Werk.
Norbert Brunner
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